Literaturnobelpreis 1998: José Saramago


Literaturnobelpreis 1998: José Saramago
Literaturnobelpreis 1998: José Saramago
 
Der portugiesische Schriftsteller wurde für sein Gesamtwerk ausgezeichnet, dessen »von Fantasie, Leidenschaft und Ironie geprägte Parabeln die Menschen die trügerische Wirklichkeit fassen lassen«.
 
 
José Saramago, * Azinhaga (Portugal) 16. 11. 1922; bis 1971 Tätigkeit als Maschinenschlosser, technischer Zeichner, Versicherungsangestellter sowie Verlagshersteller, parallel seit 1947 Veröffentlichung von Romanen, Erzählungen und Gedichten, Tätigkeit als Übersetzer, Literaturkritiker und Journalist; 1969 Eintritt in die Kommunistische Partei Portugals.
 
 Würdigung der preisgekrönten Leistung
 
Lange hatte man das Komitee bedrängt, die Literatur in portugiesischer Sprache endlich einmal zu berücksichtigen. Und nun traf es ausgerechnet Saramago, einen international höchst renommierten Autor zwar, der schon lange ganz oben auf der Liste des Nobelpreiskomitees stand; doch einen Autor, der den Portugiesen nicht nur »mit einem gewissen kastilischen Tonfall begegnet«, wie eine Wochenzeitung urteilte, sondern zudem noch ausgerechnet mit einer Spanierin verheiratet war und seit 1993 auf der Kanareninsel Lanzarote lebt.
 
 Als Nationaldichter ungeeignet
 
Und tatsächlich — obwohl Portugal, seine Menschen und seine Geschichte das durchgängige Thema von Saramagos Büchern sind, eignet sich der Kommunist schlecht für die Rolle eines Nationaldichters, liegt ihm doch nichts ferner als die poetische Beschwörung einer großen nationalen Vergangenheit. Im Mittelpunkt des Romans »Hoffnung im Alentejo« (1980) steht der Kampf des Landarbeiters Jono Mau-Tempos um bessere Arbeitsbedingungen im Alentejo, einer ländlichen Region im Süden Portugals, die noch bis tief ins 20. Jahrhundert hinein von feudalen Herrschafts- und Wirtschaftsstrukturen geprägt war. Dieser Roman glänzt vor allem durch den Reichtum an erzählerischen Perspektiven und Stimmen. Neben dem auktorialen Erzähler sind auch die Stimmen der Figuren selbst zu vernehmen — die verschwiegene Brutalität einer Folterszene kann beispielsweise nur aus der Sicht einer zufällig anwesenden großen Ameise glaubhaft bezeugt werden. Diese Stilistik der Mehrstimmigkeit und Mehrdeutigkeit — ihre Vehikel sind Parodie, Pastiche und Satire, die Imitation von Mündlichkeit, das wuchernde, scheinbar ziellos dahintreibende Erzählen, der Einbruch des Wunderbaren in die Realitätzeichnen Saramagos Schreiben seitdem aus.
 
Der 1982 erschienene Roman »Das Memorial«, der von der Errichtung eines riesigen Konvents in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts handelt, gilt heute als ein Meisterwerk der portugiesischen Literatur des 20. Jahrhunderts und begründete den internationalen Ruhm Saramagos. Der Roman lässt keine Zweifel über die politische Position des Autors aufkommen: Auf der einen Seite stehen die Reichen und Mächtigen im Verein mit der Kirche, die das Volk rücksichtslos unterdrücken und brutal ausbeuten, um ihre Gier und Eitelkeit zu befriedigen. Doch »Das Memorial« ist kein opulentes Historiengemälde, in dem nur die Hauptakteure der Geschichte auftreten dürfen. Die wirklichen Hauptrollen in der Erzählung spielen die namenlosen Helden der Geschichte, zwei der 50 000 Arbeitskräfte, die das Riesenwerk des Klosteraufbaus bewerkstelligten: der einarmige Veteran Balthazar und die junge Blimunda, die mit der Gabe gesegnet ist, die Seelen der Menschen sehen und nach ihrem Tod einfangen zu können. Zwischen der Welt der Mächtigen und der der Unterdrückten steht der gelehrte Pater Bartolomeo.
 
Während die Regierenden und Kirchenführer mit beißender Ironie bedacht werden, gilt die Sympathie des Autors neben dem ketzerischen Gelehrten, der vor der Inquisition fliehen muss, ohne Abstriche den Menschen aus dem Volk, die Saramago mit einer lebendigen Sprache, natürlicher Humanität, subversivem Witz, unerschütterlicher Lebensfreude und der Fähigkeit zu echter Liebe und Hingabe ausstattet.
 
 Kritik an der Geschichtsschreibung
 
Saramago will mit seinen Romanen die zur Institution gewordene Geschichte, wie sie in Lehrbüchern vermittelt wird, aufbrechen, eine für tot erklärte Vergangenheit wieder lebendig machen, und er stellt den Wahrheitsanspruch der Überlieferung infrage. Keinesfalls ist entschieden, dass die institutionalisierte Geschichte den poetischen Fiktionen standhalten kann, denn nur die Poesie vermag der Geschichte jenen utopischen Überschuss einzuhauchen, der sie der Überlieferung überhaupt erst wert macht. Nur wenn sie offen für die Imagination der Gegenwart ist, bleibt Geschichte lebendig, kann sie Menschen verändern.
 
Der Korrektor Raimundo Silva aus »Geschichte der Belagerung von Lissabon« (1989) wäre demnach Saramagos persönlicher Held. Nach Jahren pflichtbewusster Berufsausübung entschließt sich der kauzige Junggeselle in fortgeschrittenem Alter, die Geschichte der Belagerung Lissabons durch die Kreuzritter im Jahr 1147, ein mythisches Schlüsseldatum der portugiesischen Geschichte, zu manipulieren, indem er an einer entscheidenden Stelle ein »nicht« in das ihm anvertraute Manuskript einfügt. So wird das Buch dann auch gedruckt, allerdings wird der Eingriff noch vor der Auslieferung entdeckt, sodass es noch mit einem Korrekturzettel in den Handel kommen kann. Keine nennenswerten Folgen also für Verlag und Wissenschaft, wohl aber für das bislang ereignislose Leben Silvas, denn eine Vorgesetzte ist von der Keckheit des subalternen Mitarbeiters derart beeindruckt, dass der ältliche Eigenbrötler plötzlich aufblüht, um selbst Held einer Geschichte zu werden, wobei sich die neu zu schreibende Geschichte der Belagerung mit einer Liebesgeschichte zwischen Raimundo Silva und Maria Sara, jener Vorgesetzten, verbindet. Maria Sara gehört zu jenen idealen Frauengestalten, die, mit einer verborgenen Weisheit ausgestattet, in Saramagos Romanen immer wieder als Agenten der Befreiung in ein neues Leben und als geheimes Zentrum der Fiktion wirken. Als Beispiele seien hier Blimunda, die im »Memorial« die Seele ihres von der Inquisition verbrannten Geliebten einfängt, oder die Frau des Arztes in »Die Stadt der Blinden« (1995) erwähnt.
 
Saramago hat bis heute eine große Zahl von Lesern in der ganzen Welt gefunden. Während der leichtfüßige Plauderton die leidenschaftlichen Leser anzog, sorgen der hohe literarische Anspruch und der philosophische und theoretische Gehalt der Romane dafür, dass Saramago inzwischen Seminarreife erlangt hat. So war allein der Vatikan unglücklich über die Vergabe des Nobelpreises an den Kommunisten und bekennenden Atheisten, der zwar keine unmittelbare Heilserwartung in den Marxismus mehr setzen mag, dessen utopisches Potenzial jedoch weiter für sein Projekt einer Humanisierung der Geschichte nutzen möchte.
 
J. Zwick

Universal-Lexikon. 2012.

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